Wissenswertes – Regionalsprache
Unsere Kartentexte sollen auch ohne Bedienungsanleitung leicht leserlich und verständlich sein. Für die im Alltag viel verwendete österreichische Regionalsprache gibt es keine festen Rechtschreibregeln. Das macht die Sache nicht unbedingt leichter. Zudem bestehen doch so manche Unterschiede zwischen Regionalsprache und “Standarddeutsch”. Es gleicht mitunter einem regen Tauschbasar der Laute.
Übersetzungs-Aspekte
Etliche Texte auf unseren Produkten, z.B. auf den Psalm-Karten, kommen aus der Bibel. Die Bibel wurde ursprünglich auf Hebräisch, Aramäisch und Griechisch geschrieben. Auf den „Urtext“ basiert sich auch unser Text in österreichischer Regionalsprache. Sorgfältige und professionelle Vorgehensweise, leichte Verständlichkeit, gute Lesbarkeit, aber auch Genauigkeit spielen in den übersetzten Textabschnitten eine zentrale Rolle. Es ist uns zudem wichtig, dass international anerkannte, überkonfessionelle Richtlinien hierbei zum Tragen kommen. Wortwörtliche Übersetzungen entsprechen mitunter nicht der gewohnten Sprache, aber wirken dafür besonders präzise. Freiere Übersetzungen sind leichter verständlich, da dabei die Bedeutung einer Aussage im Vordergrund steht. Jede Art der Übersetzung hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile beider Arten lassen sich leider des Öfteren nicht vereinen. Man muss auch nicht immer A oder B sagen. Warum nicht beide Arten verwenden? Manche Leser möchten womöglich mit der gewohnteren Variante beginnen.

Sehen wir uns ein Beispiel aus dem beliebten Psalm 23 an. In Vers 5 kommt die Phrase vor: „mein Becher fließt über„.
Wir haben es als Familie in Ostafrika regelmäßig erlebt, dass die oft kleinen Tassen buchstäblich randvoll befüllt wurden, sodass die Untertasse auch noch halbvoll war. Das war ein üblicher Ausdruck der Gastfreundschaft dem Gast gegenüber. Die Tasse nur zu 3/4 zu befüllen wäre unangebracht und knausrig gewesen. In Österreich sind buchstäblich randvolle Tassen und Gläser hingegen nicht üblich und auch nicht angebracht. Geht es im Kontext dieser Phrase hier nicht in erster Linie um die großzügige Gastfreundschaft, die Gott erweist und nicht so sehr darum, dass wir immer im Überfluss leben werden? Auch das Salben des Hauptes gehörte im damaligen kulturellen Kontext zum herzlichen Empfang des Gastes.
Psalmen sind relativ emotionsgeladene Lieder, Gebete und Gedichte, die oft in Krisensituationen entstanden sind. Der bekannteste Autor der Psalmen ist wohl König David, der kein einfaches Leben hatte und dennoch seinen Kopf über Wasser halten konnte. Da steckt eine hilfreiche Haltung dahinter und diese kommt in den Psalmen auch zum Ausdruck. Gerade solche Texte entfalten ihre Wirkung außergewöhnlich gut in der Sprache, die wir „zu Hause“ verwenden. Auf derbe oder witzige Ausdrucksweise wird für dieses Genre dennoch bewusst verzichtet. Auch Regiolekt kennt höfliche und derbe Ausdrucksformen. Zu den einzelnen Bibeltexten in Mundart könnt ihr hier noch mehr lesen (Notizen, Fußnoten, Hintergrund usw.).
Regiolekt
Österreichische Regionalsprache wird von einem breiten Bevölkerungsanteil gerne verwendet. Sehr viele Sprecher wechseln je nach Gesprächspartner mühelos von österreichischer Standardsprache in Mundart und umgekehrt. Gerne wird Standarddeutsch auch mit Dialekt gemischt um besondere Schwerpunkte in der Kommunikation zu setzen. Regionale Sprachelemente sprechen viele von uns auf der Gefühlsebene besonders an. Bei einem wissenschaftlichen Vortrag würde allzu lokaler Dialekt allerdings weniger passend eingestuft werden. Freilich gibt es also auch Gebiete und Situationen in Österreich, wo es vorteilhaft ist, nach der Schrift zu sprechen.
Auch die Beliebtheit von Musik mit Dialektelementen, weist darauf hin, dass man Lokales oder Regionales durchaus noch zu schätzen weiß. Aus unserer persönlichen Sicht ist weder die eine, noch die andere Art zu sprechen richtiger oder besser. Es wäre doch langweilig, wenn es nur Einheitsbrei geben würde. Beziehungsweise warum nicht beides verwenden?
Wir fokusieren uns auf dieser Seite auf die zu den mittelbairischen Varianten gehörenden Sprechweisen in Österreich, jedoch nicht auf das z.B. in Vorarlberg gesprochene Allemanisch. Die Konzepte der Wörter Regionalsprache oder Regiolekt liegen wohl, je nach verwendeter Definition, irgendwo zwischen stark lokal gefärbtem Dialekt und standardisierter Schriftsprache. Es ist nicht wirklich möglich eine klare Grenze zu ziehen zwischen diesen Abstufungen. Lebende Sprachen verändern sich stetig, entwickeln sich in die eine und später womöglich auch wieder in eine andere Richtung. Tote Sprachen könnten dies nicht. Uralte Wörter, die von der breiten Masse kaum bis gar nicht mehr aktiv verwendet werden, dürfen in allgemeiner Kommunikation nicht zu schwer gewichtet werden – aus unserer Perspektive. Gute Lesbarkeit soll auch in diesem Sinne gegeben sein.

Lesbarkeit
Wichtig finden wir, dass man unsere Texte lesen kann, ohne vorher eine Bedienungsanleitung studieren zu müssen. Allgemein anerkannte Rechtschreibregeln bestehen zur österreichischen Mundart nicht wirklich.
Manche Laute der Regionalsprache müsste man genau genommen anders schreiben, wird sich der eine oder andere Leser wohl trotzdem denken.
Schreibt man eher:
- sagt, sågt oder sogt?
- Schule oder Schui?
- Milch oder Muich oder Müch (oder die Variationen mit dem Buchstaben l: Müli – Mili etc)?
- kum oder kim (komm!)?
- kloa oder klaa (klein)?
- wuid – wüd (wild)?
Die Antwort wird je nach Region wieder etwas anders ausfallen. Wichtig finden wir hierbei vor allem gute Lesbarkeit. Hinter diesen unterschiedlichen lokalen Färbungen, stehen oftmals relativ einfach zu erkennende Änderungsmuster. Aber achtung, die genannten Änderungen kommen nur in bestimmten Lautumgebungen vor!
Beispiele:
- il = ü oder ui (viel = füü, Milch = Muich)
- eil = eü (Seil = Seü)
- el = ö (Geld = Göd)
- ol = oi (voll = voi)
- ei = oa (klein = kloa, geografisch beschränkt)
- eu = ei (Freude = Freid)
- ü = i(a) (Tür = Tia, Kühe = Kia)
usw.
Es gleicht einem regen Tauschbasar der Laute.

Verstanden werden jedenfalls fast immer alle solcher Abänderungen, denn diese folgen, wie bereits angedeutet, meist phonologisch gut nachvollziehbaren Regeln. Der Laut L wird zum Beispiel oft zum i (etc) – aber nur nach bestimmten Vokalen und nur in bestimmten geografischen Regionen. Das Wort Lehrer wird nach dieser Regel niemals zum Ihrer. Das Wort voll wird aber durchaus – je nach Region – zu voi. In Regionen, wo zwei Mundartformen aneinandergrenzen, hört man mitunter dann auch gleich beide Varianten eines Wortes. Wer möchte, kann also beim Lesen regionsspezifische Feinheiten in der Aussprache natürlich einfügen. Den meisten Lesern gelingt dies auf Anhieb.
Sprachwissenschaft
Linguistisch betrachtet, fasziniert die Mundart mit einigen Unterschieden zur deutschen Standardsprache. Diese Unterschiede sind bestens erforscht.
- Verwendet der österreichische Mundartsprecher mehr Vokale als in der standardisierten Schriftsprache vorhanden sind?
- Wie erklärt man die Verwendung der Präpositionssuffixe -i und -a richtig?
- Warum fehlt uns in Österreich grammatikalisch gleich eine ganze Vergangenheitsform? Und was machen wir mit dem Genetiv?
- Auch die Frage was man in Österreich mit Verschlusslauten bzw. stimmhaften Konsonanten so alles macht, beschäftigte sicher schon mehrere Linguisten. Beispiele wie Dank / Tank, backen / packen sind uns vermutlich allen bekannt. Auch Volksschullehrer, Englischlehrer und Eltern von Schulkindern könnten wohl ein Lied davon singen.
Hier ein paar Gedankenanregungen zu diesen Fragen:

Hoosn und Hååsn
- 2x o (nicht a): Wenn wir die Worte Hosen und Hasen – beide in der Mundart ausgesprochen – vergleichen, dann fällt ein Vokalunterschied deutlich auf. Es ist NICHT die Vokallänge, die hier entscheidend ist, denn beide Vokale sind lang auszusprechen – jedenfalls in Oberösterreich. Also sprich: Hoosn und Hååsn, bei den Hosen ist der Mund (und somit das o) etwas geschlossener als bei den Hasen. Dieses Minimalpaar ist linguistisch gesehen aussagekräftig und freilich lassen sich noch weitere Beispiele finden um eindeutig festzustellen, dass mehr als nur eine Sorte o verwendet wird (z.B. Boden – båden, Rosen – Råsen). Das nasalisierte o wie in „schon“ bildet wohl eher kein eigenes Phonem. Es verschmilzt quasi mit dem nasalen Nachbarlaut n. Wir beleuchten in diesem Abschnitt nicht den Laut „a“ wie im Wort „dass“.
- 2x e: Genauso können wir die Wörter Edel und Ohren in Mundart vergleichen (Eedel versus Eedel). Das E der Ohren ist offener als das e in edel. Die Auflistung hier ist nicht vollständig – dennoch faszinierend und aussagekräftig.
- 2x ö: Gibt es auch hiervon eine offene und geschlossene Variante? Hinweis darauf könnten diese Wörter zumindest in manchen lokalen Dialekten geben: Erstaunter Ausruf „Höh“ und Höll(e)“. Sind diese Unterschiede bei diesem Laut – ö – tatsächlich relevant genug?
- Suffix -i und -a wie z.B.: auf-i, um-i, ein-i, fier-i, daun-i versus auf-a, um-a, ein-a, fier-a, daun-a. Je nach Standort des Sprechers wird bekannterweise somit die eine oder andere richtungsandeutende Form verwendet (Bewegung hin bzw. weg vom Sprecher). Diese Endungen entsprechen oft den Präfixen hin- und her- (z.B.: hinauf und herauf) in der Standardsprache. Zum Beispiel: I geh aufi = Ich gehe hinauf. Oder: kim aufa = komme herauf. Kim eina = Komme herein. Ausnahmen darf es geben, in der Schriftsprache kann man nicht „hinvorne“ (fieri) gehen.

- Vergangenheitsform: Ja, Imperfekt (Präteritum) fehlt. Ist so. Macht (vielleicht) nix, denn man kommt vielerorts auch gut ohne dieser Form zurecht (lief = ist gelaufen).
- Personennamen mit definitivem Artikel: Was denkst du, gibt es diesbezüglich einen Unterschied zwischen nördlichen und südlichen Sprachvarianten des deutschsprachigen Raumes? Der Johannes ist hier – versus – Johannes ist hier. Vielleicht übersetzt du für dich diesen Satz auch in andere Sprachen um noch eine breitere Perspektive auf dieses Phänomen zu kreiern.
- Sprechen von B & P sowie D & T: Diese Laute werden in Österreich von vielen Menschen genau gleich ausgeprochen – jedenfalls am Wortanfang, vor Vokalen. Wir möchten behaupten, dass in diesem beschriebenen Fall auf „gut Österreichisch“ kein entscheidender Unterschied gemacht wird bezüglich Aspiration und Stimmhaftigkeit, Fortis – Lenis etc etc. Anderorts mag dies durchaus anders aussehen. Allerdings gibt es nicht nur den Wortanfang – dieses Thema ist komplex.
- Hören von B & P sowie D & T: Hinzu kommt, dass tatsächlich stimmhafte Verschlusslaute (z.B. in Englisch B & D) beim Hinhören nicht als solche deutlich genug erkannt werden. Das ist nicht verwunderlich, denn diese Laute kriegen Kinder in Österreich zwar immer häufiger über digitale Medien zu hören, aber doch nicht ständig. Die Lautunterscheidung generell wird nunmal meist als Kind gelernt.
- G & K: Diese Laute werden vor Vokalen von vielen Sprechern deutlich unterschieden, nicht jedoch in Konstellationen im folgenden Beispiel: kriechen (Verb) & Griechen (Bevölkerung Griechenlands) Diese beiden Worte werden von vielen österreichischen Sprechern identisch ausgesprochen. Das G & K befinden sich hierbei am Wortanfang und vor dem Konsonanten r. Vergleiche aber auch [Gaas] und [Kaas] im Dialekt. Hierbei wird in der Regel ein Unterschied gemacht, gemeint sind in diesem Beispiel die Wörter „Gas“ und „Käse“. Das G bzw. K befinden sich hier vor einem Vokal am Wortanfang.
Man schreibt in den meisten Sprachen zumindest manche Laute nicht wie man sie hört, sondern wie sie gelehrt werden.
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